justifiedWhere have all the cowboys gone? fragte Paula Cole vor einigen Jahren singend. Nach Harlan, Kentucky, liebe Paula. Zumindest einer von ihnen, US Marshall Raylan Givens. Und leider auch nur fiktiv, nämlich in der neuen US-Serie "Justified", die seit zwei Wochen auf dem Sender FX läuft. Serienjunkies.de ist schon voll des Lobes, und auch Blogfreundin Catchyourdreams hat sich bereits positiv zur ersten Folge geäußert.
Ich habe mir am Wochenende nun die ersten beiden Folgen angeschaut und bin kurz gesagt begeistert. Beide Episoden versprühen trotz ihrer Fälle ein so relaxtes Gefühl, dass man fast glaubt, in Kentucky würde eine andere Zeitrechnung existieren, alles etwas gemächlicher und langsamer - dabei aber nicht weniger professionell. Durchsetzt mit trockenem Humor und voller Menschlichkeit wird in "Justified" von Verbrechen erzählt, deren Täter, wie auch immer sie geartet sind, niemals als eindimensionale Bösewichte beschrieben werden. Schon in der Eingangsszene im Piloten, wenn Raylan - zu dem Zeitpunkt noch in Miami ansässig - lässig einem Gangster gegenübersitzt, dem er 24 Stunden Zeit gegeben hatte, die Stadt zu verlassen, und ihm nun die verbleibenden Sekunden runterzählt, ist das ein 1A Kammerspiel (auch dank Peter Greene), bei dem man am Schluss mit dem Verbrecher fast ein wenig mitfiebert. Givens macht keine halben Sachen, die 24 Stunden sind abgelaufen, der ängstliche Gangster zieht zuerst, doch Givens ist schneller - und zielt nicht auf die Hand... Nach Givens Meinung ein gerechtfertigter Schuss (justified), sein Boss in Miami sieht sich jedoch nach den Presseberichten genötigt, seinen Revolverhelden woanders hinzuschicken, am besten nach Kentucky, passt doch auch, denn dort ist Givens aufgewachsen, seine Ex-Frau Winona arbeitet im Gericht und sein Vater sitzt - wie wir in Episode 2 erfahren - immer noch im Knast.
In Lexington wird er von seinem neuen Boss in Empfang genommen, Art Mullen, der ein "Tombstone"-Filmplakat an einer Wand hängen hat und der Meinung ist, man solle erstmal gemeinsam einen trinken gehen, um das Nötige zu besprechen, die beiden kennen sich noch von früher. Whiskey hat hier zumindest eine feste Nebenrolle in der Serie. Von dem restlichen Team erfährt man anfangs nicht viel, gehe davon aus, dass sich das in den nächsten Wochen noch ändert.
Dass Raylan es gleich in der ersten Folge mit seinem ehemaligen Kumpel aus Kohleabbau-Tagen Boyd zu tun bekommt, der heute bekennender Nazi ist und gerade eben einen Anschlag auf die African Church in Lexington verübt hat, ist ein Glück für die Zuschauer, denn hier wird vermutlich ein Grundstein für die nächsten Episoden gelegt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es mit Boyd und Givens nicht in Zukunft noch weiter geht, denn dafür haben die beiden (Walton Goggins und Timothy Olphant) einfach eine zu gute Chemie.
In der zweiten Episode hat Givens es mit einem Ausbrecher aus dem örtlichen Gefängnis zu tun, der auf der Suche nach dem Versteck seiner Beute ist, die er vor seiner Inhaftierung nach einem Banküberfall in einer damals noch im Bau befindlichen Wohngegend versteckt hat. Und dieser ist eigentlich total sympathisch, so dass man sich fast wünscht, er würde sein Geld finden und verschwinden, was Givens natürlich nicht zulässt.
Ein schöner Nebenplot, der sich ebenfalls über mehrere Wochen ausdehnen wird, ist die hübsche Ava Crowder, die nach eigenem Bekunden schon als Teenie in Givens verknallt war, und es nicht lässt, den "armen" immer wieder in Versuchung zu führen. Da Ava aber gerade selbst ihrem prügelnden Ehemann den Garaus gemacht hat und eine tragende/schießende Rolle in der Auflösung von Givens erstem Fall in Kentucky hatte, darf er sich nicht mit ihr einlassen, auch wenn sie sich willig auf seinem Motelbett räkelt - da nimmt er sich lieber die Flasche Whiskey und verzieht sich ins Bad.
Viele Worte macht Givens nicht, fragt man ihn, warum er ständig seinen Stetson trägt, antwortet er höchstens lapidar: ich hab ihn anprobiert und er passte.
Timothy Olyphant, der in den USA mit Serien wie "Deadwood" oder auch "Damages" schon reichlich Serienerfahrung vorzuweisen hat (und den wir bald auch in "The Crazies" wieder im Kino bewundern dürfen), spielt diesen Raylan Givens geradezu anbetungswürdig. Mundfaul, zynisch, teilweise verschmitzt und mit klaren Vorgaben: you make me pull, I'll put you down! Gebt dem Mann noch ein paar Jahre, und er kann es locker mit Tommy Lee Jones in Sachen Coolness aufnehmen. Aber auch Walton Goggins als Boyd kann in Folge 1 überzeugen, er besitzt so einen gewissen Bruce Dern-Faktor, und Joelle Carter als verknallte Ava Crowder ist ebenfalls sehr sehenswert. Nun mag ich ja auch diesen Dialekt sehr gerne, der schon eher in Richtung Südstaaten geht, da muss man zwar gut hinhören, dafür klingt es aber bezaubernd. Insofern bin ich ganz froh, dass ich die Serie auf englisch über kino.to gucken kann, was ich auch weiterhin tun werde, denn "Justified" ist ein echter Genuss und hebt sich deutlich von den typischen Krimiserien ab, ohne eine Hauptperson aufzuweisen, die wie in "Mentalist" oder "Lie to me" (beide Serien mag ich ja) irgendwie allwissend ist. Dazu kommt die Tatsache, dass die Handlung in einer eher ländlichen Gegend spielt, was auch einen guten Gegensatz zu den typischen Krimiorten wie L.A., New York, San Francisco, Boston oder Chigaco bietet. Außerdem sehr schön ist die Musik zu "Justified", die zwar Americana/Country-lastig ist (also nicht so ganz mein Ding normalerweise), aber wirklich gefällt. In dem Zusammenhang kann ich auch unbedingt die Website zur Serie empfehlen, da findet man nicht nur alles über die Entstehung, den Cast und die Crew sowie die üblichen Episoden Recaps, sondern zu jeder Episodenbeschreibung gibt es auch den Music Guide dazu, in dem die Songs benannt werden, die in der jeweiligen Folge zu hören sind. Kann das bitte künftig für jede Serie gemacht werden? Großartige Idee.
Und nicht ganz unwichtig ist sicherlich die Tatsache, dass Graham Yost die Serie  nach einer Kurzgeschichte von Elmore Leonard (der hier auch als Executive Producer die Finger im Spiel hat) konzipiert hat, deren Handlung zwar schon in Episode 1 abgehandelt wird, aber das sagt ja nichts über die Qualität der anderen Folgen aus.

Wertung9Justified (USA 2010, bisher 10 Folgen gedreht)
R: Michael Dinner (Ep 1+2); B: Graham Yost (Drehbuch und Entwicklung)
D: Timothy Olyphant, Nick Searcy, Joelle Carter, Walton Goggins, Jacob Pitts, Natalie Zea, William Ragsdale, Erica N.Tazel, etc.
Genre: Krimi, moderner Western
Engl Original zur Zeit ausgestrahlt auf FX, deutscher Ausstrahlungstermin steht noch in den Sternen.

P.S. Immer wenn ich den Namen Timothy Olyphant lese, denke ich an Sam Gamdschie, der mit großen Augen ruft "Sieh mal Frodo, Olifanten" *lach*, das nur mal so nebenbei.