justified_gogginsEnde März und im Mai habe ich bereits über die US-Serie "Justified" des Senders FX  berichtet. Dank solcher Webseiten wie kino.to kann man sich die Folgen im Original mehr oder minder zeitgleich mit den Amis angucken, auch wenn der dt. Einkauf der Serien noch lange auf sich warten lässt. Noch wird man als Zuschauer dafür nicht bestraft, hoffen wir, dass das noch lange so bleibt. Denn darauf zu warten, dass sich die deutschen Sender früh entscheiden, wirklich gute US-Serien einzukaufen, kann echt Geduld kosten. Ich erinnere mal an "Mad Men" beispielsweise, die immer noch nicht im deutschen Fernsehen läuft. "Breaking Bad" - mittlerweile hierzulande mit dt. Synchro auf DVD erschienen, wird im Herbst endlich auf Arte ausgestrahlt, aber muss man dann wirklich noch das Fernsehprogramm einschalten, wenn man sich die Folgen auch aus der Videothek holen kann? Egal, ich schweife ab. Worauf ich nur hinaus will: wer also sowieso im Netz nach neuen US-Serien sucht und diese auch gerne im Original sieht und möglichst früher als sie hier laufen, der sollte unbedingt seine Quellen auf "Justified" überprüfen - die etwas andere Krimiserie, mit dem wöchentlichen Kriminalfall und einer ausgeklügelten durchgängigen Nebenhandlung, die im Verlauf der Serie mehr und mehr in den Vordergrund gerät.
Die letzte Folge der ersten Staffel flimmerte am 08. Juni über die US-Bildschirme, ich habe die letzten drei Episoden gestern Abend geschaut.

In der ersten Staffel lernte man die wichtigsten Protagonisten des Örtchens Harlan in Kentucky kennen, allen voran US Deputy Marshal Raylan Givens, seine Exfrau Winona, die schießwütige Ava, mit der Givens eine Affäre hat, Givens Boss Art Mullen und vor allem Givens ehemaliger Minenkumpel Boyd Crowder, dessen Vater Bo den Drogenhandel in Kentucky mitbestimmt und die hinterländischen Wälder als prima Versteck für seine Meth-Küchen benutzt. Dazu wurde Givens schwere Beziehung zu seinem Vater Arlo ausgebaut, der selbst Jahre im Knast verbracht hat und Verbindungen zu Bo Crowder hat. Bei beiden - Bo Crowder und Arlo Givens - kommt das Motiv des "verlorenen Sohns" zum Tragen: Arlo hat seinen Sohn an die Justiz verloren, der bereit ist, seinen eigenen Vater hinter Gittern zu bringen, und Bo hat Boyd völlig unerwartet an Gott verloren. Aus dem rechtsextremen, gewaltbereiten Mann, der von Givens in der Pilotfolge durch einen Schuss außer Gefecht gesetzt wurde, ist ein bibelfester, gewaltbereiter Mann geworden - eine gefährliche Mischung. Und Bo muss sich vorsehen, denn Boyds neuer "Gerechtigkeitssinn" macht auch vor seinem Vater nicht halt.
Man muss ganz einfach ein großes Lob an die Autoren aussprechen, die aus Elmore Leonards Kurzgeschichte eine durch und durch schlüssige Handlung gestrickt haben, die mit jeder Folge weitere Spannung aufbaut. Hier stimmt alles: die Atmosphäre, die Inszenierung, dieses - mir fällt kein passender deutscher Begriff ein - "laid back" Gefühl, welches die Protagonisten versprühen. Man hat auf schwarz-weiß Zeichnungen verzichtet, gut ist hier nicht gleich gut und auch die Gangster oder Kriminellen werden nicht komplett böse dargestellt. Wenn Givens irgendwo zur Befragung auftaucht, tut er dies trotz gewissem Gefahrenpotential - welches entweder von ihm oder seinem Widersacher ausgeht - in einer Lässigkeit, als würde man sich nur mal eben schnell auf einem Whiskey treffen. Actionelemente halten sich demnach in der Serie auch zurück, doch wenn geschossen wird, dann scharf. Eine gute Portion Humor ist auch dabei, wenn es auch keine offensichtlich komischen Szenen gibt, sondern der Witz eher subtil mitschwingt.
Kompliment auch an die Castingabteilung - bis hin zu jeder einzelnen Neben- oder Episodenrolle, sind die Figuren erstklassig besetzt. Und auch wenn Timothy Olyphant in der Hauptrolle als Raylan Givens glänzt, so ist es doch vor allem Walton Goggins, der sich als Boyd Crowder von Folge zu Folge zunehmlich in den Vordergrund spielt. Dessen Wandlung von eiskaltem Verbrecher zum Prediger genauso schnell wie intensiv vonstatten geht, von dem permanent eine latente Gefahr ausgeht und dem man auch die pure Verzweiflung abnimmt, wenn sein Vater Bo in der vorletzten Folge zum Gegenschlag ausholt. Was Goggins hier zusammenspielt ist ganz großes Kino. Und ich bin dankbar, dass die Autoren diesem Charakter auch einen so fantastischen Showdown und "Abgang" (nicht zu viel verraten) in der letzten Episode gegönnt haben. Aus der Beziehung Raylan/Boyd wird am Ende eine runde Sache, die richtig viel Lust auf die zweite Staffel macht.
Ein weiterer Nebendarsteller ist im Übrigen die durchweg gut ausgewählte Musik, country- und americanalastig, während der Titelsong ein wenig an Everlast erinnert.

Fazit: "Justified" ist mit Abstand eine der besten neuen Serien des US-TVs. Die zweite Staffel ist bereits beschlossene Sache, und nach dem Showdown der letzten Folge kann ich schon jetzt kaum erwarten, was man sich für die Fortsetzung als Handlungsstrang ausdenkt. Bei meinem ersten Eintrag nach vier Folgen habe ich 9 Punkte gegeben, nach Durchsicht der gesamten Staffel gibts das Sahnehäubchen obenauf.

Wertung10Justified (USA 2010, 1. Staffel, 13 Folgen)
R: Michael Dinner, Adam Arkin, Jon Avnet, etc.; B: Graham Yost (Drehbuch und Entwicklung)
D: Timothy Olyphant, Nick Searcy, Joelle Carter, Walton Goggins, Jacob Pitts, Natalie Zea, William Ragsdale, Erica N.Tazel, etc.
Genre: Krimi, moderner Western
Engl Original zur Zeit ausgestrahlt auf FX, deutscher Ausstrahlungstermin steht noch in den Sternen.