pilgrimScott Pilgrim ist 22 und spielt in der Indie-Rockband "SEX-BOB-OMB", er steckt gerade "zwischen zwei Jobs" und datet die 16jährige Schülerin Knives. Nachdem seine Exfreundin ihm das Herz gebrochen hat, ist die asexuelle Beziehung zu dem Mädchen genau das Richtige für ihn. Doch dann trifft er die unglaubliche, perfekte, in Sachen Coolness alles überstrahlende Ramona Flowers. Um ihr Herz zu erobern, reichen leider ein Blumenstrauß und schöne Worte nicht aus. Nein: Scott muss ihre sieben bösen Ex-Freunde besiegen, die dummerweise alle über besondere Fähigkeiten verfügen...


Vor einigen Monaten, als Matthew Vaughns "Kick Ass" in den Kinos gezeigt wurde, konnten viele vor lauter "Ahs" und "Ohs" und "Cools" gar nicht mehr atmen. Schlecht fand ich "Kick Ass" sicher nicht, aber eben auch nicht besonders gut. Bei "Scott Pilgrim" verhält es sich nun ganz anders. Der hat mich berührt, trotz aller Schrägheit, Komik und Coolness, ein Film, der wie für meinen Geschmack gemacht  zu sein scheint, insofern entschuldige ich mich auch vorweg für jegliche fehlende Objektivität. Orlindo Frick hat ihn auf Facebook gar mit David Finchers Kultfilm "Fight Club" verglichen, so seltsam das bei den völlig unterschiedlichen Herangehensweisen auch klingen mag, so abwegig ist dieser Vergleich gar nicht.
"Scott" funktioniert auf zwei Ebenen: oberflächlich ist dies ein absoluter Spaßfilm, der in Sachen Kreativität, Dynamik und Spielfreude keine Wünsche offen lässt. Doch im "Abgang" hat man es auch mit einem intelligenten Blick auf die Generation zu tun, die mit Nintendo und Playstation erzogen wurde, die Web 2.0 entscheidend mitgeprägt hat und im Manga-Umfeld zuhause ist, ein Film wie gemacht für alle U30jährigen. Mit meinen 37 Jahren bin ich schon Zaungast, kann anderen noch zuwinken und rufen "immerhin verstehe ich euch noch", aber gehöre schon nicht mehr wirklich zur Zielgruppe. Sicherlich hat man es hier nicht mit einer Abrechnung sozialer Wertvorstellungen zu tun (im Vergleich: Edward Nortons "Ikea-Monolog" in "Fight Club"), vielmehr wird mit einem sehr liebevollen Blick neben der Superheldenparodie das Leben heutiger Twens beobachtet, die Rastlosigkeit, Unsicherheit, Hoffnung und Suche nach Harmonie. Deswegen bleibt eine Figur wie Scott (von Michael Cera wunderbar gespielt) auch nicht ohne Substanz, sondern lässt einen mitfiebern, wenn er in den jeweiligen Fights über sich selbst hinauswächst oder mit cleveren Tricks arbeitet, um die 7 Evil Exes zu besiegen. Scott ist allein schon deshalb Sympathieträger, weil er der totale Antiheld ist, das einzig "coole", was man seinem Charakter zugesteht, ist die Band, in der er Bassist ist, aber ansonsten ist der Typ, der sich seine Haare seit dem letzten traumatischen Friseurbesuch (einen Tag vor der Trennung von seiner Freundin) nicht mehr geschnitten hat, alles andere als cool. Das mag seine 16jährige Freundin Knives sicher anders sehen, aber in dem Alter findet man alle toll, die über 20 sind. Als Scott die unkonventionelle Ramona Flowers kennenlernt und sie nach einem holprigen Anfang offenbar seine Sympathie teilt, kann man ihn gut verstehen, dass er die Konsequenzen (die sieben...) auf sich nimmt, um mit ihr zusammenzusein. Beim ersten Blick auf Ramona glaubt Scott bereits, seine Seelenverwandte getroffen zu haben, verliert sich in Tagträumereien und hat doch Angst, sich seinen Gefühlen hinzugeben. Das von Wallace erwähnte "L-Word" will ihm lange Zeit nicht über die Lippen, da sagt er lieber "I lesbian you" *lach*. Die Schlacht gegen die Exfreunde ist damit auch ein Kampf gegen sich selbst, was insbesondere ganz am Schluss deutlich wird, gegen die eigenen Unsicherheiten und Ängste, insofern ist "Scott Pilgrim" vor allen Dingen ein ziemlich gelungener Coming-of-Age Film.
Doch nicht nur Michael Cera verleiht seiner Figur Tiefe. Beeindruckt haben mich besonders Kieran Culkin als Scotts schwuler Mitbewohner Wallace, der keine dämlichen Klischees erfüllen muss, sondern halt einfach schwul ist. Punkt. Dazu hat er auch noch die besten Oneliner. Ebenso Ellen Wong als High School Freundin Scotts Knives Chau, meine Güte, war man selbst mit 16 nicht genauso? Ihren Charakter finde ich ganz besonders realistisch gezeichnet. Aber auch Nebenrollen wie die göttliche Drummerin von Scotts Band "Sexbob-omb" Kim, gespielt von Alison Pil oder Scotts Schwester Stacey, eine Rolle, in der Anna Kendrick Leichtigkeit versprüht. Mary Elisabeth Winstead hat es da ungleich schwerer, das Objekt der Begierde - in dem Fall also Ramona Flowers - zu spielen, ist eine undankbare Aufgabe, denn sie muss einfach wunderschön und lässig sein. Bei der Besetzung der bösen Exfreunde hat man auch alles richtig gemacht. Brandon Routh und Chris Evans spielen herrlich ironisch gegen ihr Heldenimage an, Satya Bhabha - der erste Ex - überzieht das Bösewichtklischee total, Mae Whitman als Kampflesbe nimmt man ab, dass man sie nur zu zweit erledigen kann, und die Zwillinge Keita und Shota Saito bringen das ultimative Mangafeeling in den Music Battle mit ein. Music Battle - genau, hier wird nicht nur mit Fäusten gekämpft, Scott muss allerlei Tricks anwenden, mal hilft ihm sein Bass und man fühlt sich wie in "Guitar Hero", mal ist es die Lautsprecherwand und der Verstärker, die das elektrische Monster heraufbezwingen, welches den Feind erledigen soll. Klingt kryptisch? Ich sag ja, angucken! Als Endgegner steht Scott dann Jason Schwartzman als Gideon gegenüber, auch wie Michael Cera jemand, den man nicht unbedingt als Kämpfer sehen würde, dessen größte Waffe ist sicher seine Arroganz, und das bringt Schwartzman natürlich wunderbar rüber.
Die verrückte Story mit den tollen Darstellern wird nur noch von der Inszenierung Wrights gekrönt, der sich allerhand einfallen ließ, um "Scott Pilgrim" auch in visueller HInsicht zu einem einzigartigen Erlebnis zu machen. Das fängt schon mit dem Universal-Logo an - und allein die Tatsache, dass bei "Erledigung" eines Evil Ex sich dieser in Münzen auflöst, lässt die vor dem Film gelaufene 25Jahre Super Mario Jubiläums Nintendo-Werbung noch einmal in neuem Licht erstrahlen *lach*.

Fazit: Ein Film wie ein Rausch - mit guten Schauspielern, wahnwitzigen Einfällen und einer Handlung, die nicht immer linear verläuft und manchmal episodenhaft wirkt, wird hier tatsächlich eine ganz besondere Love Story erzählt und ein Antiheld erwachsen! Grandios. Und dazu noch die Musik von Beck. Trotzdem: einen Wermutstropfen gibts doch, nämlich wenn Gideon mit einem üblen Trick Ramona zeitweise wieder für sich zurückgewinnt, ist das für mich ein Storyschlenker zu viel, das ist auch ein Punkt, wo in dem Film für einen Moment wirklich die Luft raus ist. Der 1A-Showdown ("You're pretentious, this club sucks, I have beef. Let's fight.") reißt es dann aber wieder raus.
Lieblingsspruch: "He punched the highlights out of her hair!" *g*

Wertung9Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt ("Scott Pilgrim vs The World", USA 2010) - gesehen in der OV
R: Edgar Wright; B: Michael Bacall, Edgar Wright -  nach der Comicvorlage von Bryan Lee O'Malley
K: Bill Pope; M: Nigel Godrich plus Songs von Beck
D: Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead, Ellen Wong, Kieran Kulkin, Jason Schwartzman, Brandon Routh, Chris Evans, Alison Pil, Mark Webber, Johnny Simmons, Brie Larson, Anna Kendrick, Aubrey Plaza, Satya Bhabha, Mae Whitman, Keita & Shota Saito, etc.
Genre: Comic, Komödie, Coming-of-Age
FSK:
Länge: 112 Min.