lutherAb Mai dieses Jahres zeigte die BBC die 6 Folgen umfassende erste Staffel ihrer neuen Krimiserie "Luther", mittlerweile gibt es diese bereits auf DVD (UK Import), und nachdem mir die Serie empfohlen wurde, hab ich es einfach mal versucht. Und war schlicht geplättet. Schon von der ersten Sekunde an fesselt das Geschehen und - ohne hier zu viel von dem Plot verraten zu wollen - die letzten beiden Episoden haben mich förmlich atemlos auf der Couchkante sitzen lassen und dazu geführt, dass ich am Ende beim Cliffhanger mal kurz meinen Fernseher angeschnauzt habe, so nach dem Motto "Schweine, das können die doch nicht machen!" Tja, konnten sie. Mittlerweile weiß ich, dass die Dreharbeiten zu zwei 90minütigen Specials kürzlich begonnen habe, ich hoffe, dass ich diese dann auch recht zügig zu sehen bekomme, zumal das Ende wirklich offen lässt, in welche Richtung die Geschichte weitererzählt werden könnte.
Warum ist "Luther" so spannend?
Im Vordergrund steht also DCI John Luther - eindrucksvoll von Idris Elba gespielt - der ähnlich wie Ystads Kurt Wallander ein Einzelgänger ist mit nicht immer nachvollziehbaren Ermittlungsmethoden, und der sich ebenso ähnlich wie Wallander zu persönlich in seine Fälle involvieren lässt. Trotzdem ist "Luther" vom Schwedenkrimi meilenweit entfernt, was zum einen sicherlich grundsätzlich an dem farbigen Hauptprotagonisten liegt, der von Idris Elba äußerst maskulin und intensiv dargestellt wird, Richard Roundtrees "Shaft" mit inneren Dämonen sozusagen. Dem kann man sich als Zuschauer(in) überhaupt nicht entziehen, und es wundert mich sehr, dass die Quoten der Serie von Folge zu Folge in den UK weiter abfielen. Dies gilt insbesondere auch in dem Zusammenhang, als dass sich trotz der unterschiedlichen Kriminalfälle ein durchgehender roter Faden durch die Staffel zieht. Wir lernen Luther kennen, als er gerade einen Kindesentführer-/-schänder/-mörder jagt, dieser in die Tiefe stürzt, nachdem Luther eine Sekunde zu lange gezögert hat, ihm zu helfen, er stirbt zwar nicht, aber die Aussichten aus dem Koma zu erwachen, sind gering. Absicht? Luther wird suspendiert und braucht selbst eine Auszeit, um mit der Situation klar zu kommen. Sein erster Einsatz ist der Mord eines Ehepaares, welches von deren Tochter aufgefunden wurde. Die Tochter - Alice Morgan (gespielt von Ruth Wilson) - eine hochintelligente junge Frau, die ihr Studium bereits als Teenie abgeschlossen hat, zeigt soziopathische Züge, und Luther ist überzeugt, dass sie die Mörderin ist. Daraufhin entspinnt sich ein Katz- und Maus-Spiel zwischen den beiden, welches auch über die nächsten Folgen hinweg geht. Alice ist überaus davon angetan, endlich einen Gegner gefunden zu haben, der es intellektuell ansatzweise mit ihr aufnehmen kann. Sie beginnt, sich in Luthers Leben einzumischen, bedroht dessen Frau und deren neuen Lebensabschnittspartner, tatsächlich in der Intention, damit Luther seine Frau zurückgewinnen kann. Auf ihre Art und Weise beschützt Alice Luther, und dieser sucht - obwohl gleichermaßen abgestoßen von ihr - immer wieder ihre Nähe und ihren Rat.
Nun sind Psychopathen, die dem Serienhelden nachstellen, so selten nicht, das hatten wir mit Jack - dem Allerweltskerl in "Profiler" und auch der "Mentalist" hat noch so seine Probleme mit Red John. Aber diese Konstellation einer genialen Soziopathin (also weiblich), die zu einem Fixpunkt im Leben des Ermittlers und auf eine irritierende Art und Weise sogar "Freundin" wird, ist definitiv neu und macht den Reiz der Serie aus.
Auch die Figur Luthers ist eher ambivalent angelegt. Er hat klare Probleme, sein Temperament zu zügeln. Die Situation mit seiner Frau, die nach seiner Rückkehr aus der langen Kur (?) plötzlich einen neuen Mann an ihrer Seite hat, ist für ihn schwer akzeptierbar, und zeitweilig wirkt er durchaus bedrohlich, dann aber auch wieder sehr verletzlich. Was die zu lösenden Kriminalfälle anbetrifft, ist er integer, er bekommt die harten Fälle - also Mehrfachmord, Serienkiller, etc. - und beweist hier immer ein außerordentlich gutes Gespür, wenn er auch nicht immer den bürokratisch richtigen Weg bei der Auflösung geht. Spürbar ist die innere Anspannung dieses Mannes, beim man oft an eine tickende Zeitbombe denkt, was die Ereignisse der letzten drei Folgen umso nachvollziehbarer macht.
Wirklich gut gefallen hat mir auch seine Chefin Rose Teller, die ein nicht ganz unbeträchtliches Risiko eingeht, als sie Luther wieder in den Dienst zurückholt, das ist eine hart arbeitende Frau, die sich ihrer Verantwortung in jeder Sekunde vollkommen bewusst ist, fernab jeder ansonsten gerne gezeigten Klischees in Krimiserien, wenn die Dezernatsleiter entweder als totale Trottel oder Choleriker dargestellt werden. Und sie ist vor allem fair und auf das Wohl ihres Teams bedacht. Saskia Reeves spielt Rose mit einer höchst realistischen Hemdsärmeligkeit.
Aber auch kleinere Rollen wie der neue Partner Ian Reed (Steven Mackintosh), der Luther zugeteilt wird und durch besonders hohe Loyalität besticht als auch Luthers Ex-Partner und Freund Justin Ripley (Warren Brown) sind gleichermaßen gut geschrieben als auch perfekt besetzt. Die Inszenierung ist fast kinotauglich, hier stimmt eigentlich von der ersten bis zur letzten Sekunde alles, auch die Musikauswahl. Einen guten Trick finde ich im Übrigen auch, wie während des Abspanns die Vorschau auf die nächste Folge eingebaut wird, fast wie ein Flackern.

Fazit: Eine faszinierende neue Serie mit toll geschriebenen Charakteren, fantastischen Schauspielern. Könnte ich mir auch als Reihe von 90Minütern vorstellen oder im Kino. Und bei allen Vergleichen, die sich bei "Luther" anbieten, ist diese Figur doch endlich mal neu und individuell. Unbedingt mal drauf achten (ich auch), nehme an, dass "Luther" es irgendwann in die Sonntag Abend Krimi-Programmierung des ZDF oder so schafft.

Wertung9Luther (UK 2010, ausgestrahlt auf BBC) - gesehen in der engl. OV
R: Brian Kirk, Sam Miller, Stefan Schwartz; B: Neil Cross
K: Julian Court, Tim Fleming; M: Paul Englishby
D: Idris Elba, Ruth Wilson, Saskia Reeves, Indira Varma, Paul McGann, Steven Mackintosh, Warren Brown, Dermot Crowley, etc.
Genre: Krimi
Länge: 6 Folgen á 45 Min.

Hier noch ein Trailer für die Ausstrahlung auf BBC America