in timeJeden Tag kämpft Will Salas ums Überleben. In seiner Welt endet die Lebenszeit mit 25 Jahren, durch Arbeit, Stehlen und Kämpfen kann man sich Zeit dazu verdienen. Zeit ist die gängie Währung; alles - ob Miete, Lebensmittel, Strom oder Kleidung - wird mit Lebenszeit bezahlt. Die normale Bevölkerung lebt in Ghettos, schuftet in Fabriken und lebt von einem Tag auf den anderen, während in Nobelvierteln wie New Greenwich die Reichen ihre Zeit horten und bis zu mehrere hundert Jahre auf ihrer Lebensuhr haben. Als Will den lebensmüden Henry Hamilton trifft, weiht dieser ihn in die Machtspielchen der Reichen ein - und schenkt ihm seine letzten hundert Jahre. Nach dem Tod seiner Mutter macht sich Will mit seinem neuen Vermögen auf nach New Greenwich, um deren Alleinherrschaft zu stürzen, dabei ist er schon längst auf dem Radar der Zeitwächter gelandet. Mit Sylvia, der Tochter eines einflussreichen Bankers, im Schlepptau wird Will zur Hoffnung der Ghettos, ein moderner Robin Hood ...


Die Story von Andrew Niccol ("Gattaca") ist auf dem Papier und auch in den ersten Minuten des Films ungeheuer vielversprechend. Man stelle sich eine Welt vor, in der der Normalbürger nur eine festgelegte Lebenserwartung von 25 Jahren hat und um jede einzelne Stunde darüber hinaus bitter kämpfen muss, der Alterungsprozess des Körpers aber mit Erreichen des 25. Lebensjahres in jedem Fall gestoppt wird, so dass sich nicht mehr erkennen lässt, wer Mutter, Tochter oder gar Großmutter ist. Eine Welt, in der Zeit die Währung ist, ein Becher Kaffee = vier Minuten. Was für ein Horror für die Coffee-to-go Generation! Und während die arme Bevölkerung in Fabriken schuftet und sich mit Zeit verschuldet, in Ghettos lebt und jeden Morgen aufs Neue ängstlich auf ihre Lebensuhr (praktisch auf dem rechten Unterarm in die Haut implantiert  - oder wie eigentlich? Wie kommt die Uhr dahin, das hab ich mich den ganzen Film irgendwie gefragt...) blickt, horten die Reichen ihre Zeit, wohnen weit entfernt von den Ghettos und müssen nur Angst davor haben, ihr Leben durch einen Gewaltakt zu verlieren, weswegen sie ihre "Wächter" um sich herum scharen. Und damit es so bleibt, kontrollieren sie die Zeit, und sorgen mit "Preis"erhöhungen etc. dafür, dass die Armen ihren Ghettos niemals entfliehen können.
Einer der Glücklichen ist Henry Hamilton, der noch über 100 Jahre auf seiner Uhr hat, aber im wahrsten Sinne des Wortes lebensmüde ist (Matt Bomer, der übrigens deutlich älter als 25 aussieht!) und unserem Hauptprotagonisten Will Salas (Timberlake) aus Dankbarkeit für dessen Hilfe in einer lebensgefährlichen Situation seine Zeit schenkt. Diesem erklärt er auch, wie das so läuft im Machtzentrum New Greenwich mit den Reichen und der Zeit. Salas aktiviert sein offenbar vom Vater vererbtes Rebellengen und macht sich auf in die Welt der Zeitreichen, mit ein wenig Glück weckt er das Interesse des Bankers Philippe Weis und später auf dessen Party auch das seiner gelangweilten Tochter Sylvia, die unbedingt was erleben will. Doch auch Timekeeper Raymond Leon ist aufmerksam geworden und verfolgt den Weg, den die seiner Ansicht nach gestohlene Zeit von Henry Hamilton durch die Stadt nimmt.
Also bis zu diesem Punkt ist das ein recht gutgemachter Sci-Fi Streifen, dem es hier und da ein wenig an Logik oder Konsequenz mangelt, aber unterhaltsam und mit einer irgendwie erfrischenden Herangehensweise. Aber dann verrennt sich Niccol meiner Meinung nach ein wenig. Nicht nur, dass er aus Will und Sylvia's Liebe und Zusammenarbeit eine "Bonnie und Clyde" Hommage bastelt, die leider wenig nachvollziehbar scheint. Sylvias plötzlich kriminelles Erwachen nimmt man Amanda Seyfried zu keinem Zeitpunkt ab, zumal sie es ist, die den größten Gefallen an dem neuen Leben findet, und dadurch umso mehr unglaubwürdiger wirkt, wenn es darum geht, die erbeutete Zeit á la Robin Hood an die Armen zu verteilen. Und Justin Timberlake sieht halt immer noch aus wie ein braver Welpen, ihm fehlt es an einem gewissen Maß Kaltschnäuzigkeit, um diesen veränderten Will Salas glaubhaft darzustellen, dabei glaube ich seit "Alpha Dog" nach wie vor daran, dass er nur den richtigen Regisseur braucht, um das aus ihm herauszukitzeln.
Die eingestreuten sozialkritischen Kommentare wie der immer wieder erwähnte Darwinismus - das "Überleben der Starken - und der neue Zeitkapitalismus - naja, das kommt alles schon ein bisschen alibihaft rüber. Es wäre interessant gewesen, diese Denkansätze zu vertiefen und darüber eine Paralle zu unserem heutigen Gesellschaftsbild herzustellen, so bleibt es lediglich Beweggrund für das Protagonistenpaar, die Zeit neu zu verteilen, und damit dem Zuschauer ein paar Actionszenen zu liefern. Diese beschränken sich jedoch mehrheitlich aufs Rennen, also Frau Seyfried sollte - wenn schon nicht für eine schauspielerische Glanzleistung aber wenigstens - für ihre Fähigkeit, mit dünnen Beinchen in Mega-High Heels über Dächer, Straßen etc. rennen zu können, ein Orden verliehen werden. Gut gefallen hat mir wie immer Cillian Murphy, der sicher unter seinem Niveau besetzt wurde und - sowas! - auch älter als 25 aussieht *lach*. Grundsätzlich hatte er auch die interessanteste Rolle hier - ein ehemaliges Ghettomitglied, welches es geschafft hat, Karriere als Timekeeper zu machen, seit 50 Jahren im Dienst ist und niemals zurückgeblickt hat - dennoch nicht frei von Mitleid ist. Damit konnte Murphy als Raymond mehr Nuancen zeigen als die doch sehr schablonenhaft konstruierten Charaktere Will und Sylvia, zwischen denen es auf der Leinwand auch nicht wirklich funken will.
Übrigens hat mir Olivia Wilde in ihrer kurzen Rolle ebenfalls gut gefallen, obwohl äußerlich nicht älter als Timberlake hat sie als Mutter funktioniert.
Zu erwähnen bleibt noch die gelungene Ausstattung. Anstatt sich auf wenig überraschende Zukunftsvisionen zu verlassen, die man so oder ähnlich schon tausendmal gesehen hätte, hatten Ghettos, Nobelviertel und vor allem die Autos einen 70/80er Jahre Touch, was für die Wirkung der trostlosen Atmosphäre in den Armenvierteln eine gute Lösung ist. Mit irgendwelchen Hightech Heckmeck hätte man eine zu große Distanz zu den Zuschauern aufgebaut, denke ich.

Fazit: Ein bisschen schade, wenn man bedenkt, dass aus der Grundidee deutlich mehr herauszuholen gewesen wäre, stattdessen hat der Film ein paar Längen, und die mangelnde Chemie zwischen Timberlake und Seyfried ist an einigen Stellen wirklich störend. Andrew Niccol kann das echt besser (siehe "Gattaca"). Trotzdem: Kann man sich ansehen.

In Time - Deine Zeit läuft ab ("In Time", USA 2011) - dt. Synchronfassung
R+B: Andrew Niccol
K: Roger Deakins; M: Craig Armstrong
D: Amanda Seyfried, Justin Timberlake, Cillian Murphy, Olivia Wilde, Shyloh Oostwald, Johnny Galecki, Vincent Kartheiser, Matt Bomer, Collin Pennie, Alex Pettyfer
Genre: Sci-Fi, Action
FSK: ab 12 J.
Länge: 109 Min.
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