spiegleinspiegleinSeit Jahren gilt die Königin als schönste Frau in ihrem Königreich, doch ihre Stieftochter Schneewittchen - gerade 18 Jahre alt geworden - läuft ihr langsam den Rang ab, da helfen auch alle Wellnessbehandlungen der Welt nichts. Und das Mädchen wird langsam flügge und möchte sich nicht länger von der Königin im Schloss verstecken lassen. Bei ihrem ersten heimlichen Ausflug verliebt sie sich in den abenteuerlustigen Prinzen Alcott, der alsbald auch im Schloss ankommt. Als dieser von seinem blühenden Reich berichtet, sieht die Königin ihre Chance, sich aus dem drohenden Bankrott zu befreien. Sie muss Alcott dazu bringen, sie zu heiraten. Wenn nur das hübsche Schneewittchen nicht wäre - doch auch hier weiß sich die Königin zu helfen und schickt ihren getreuen Diener aus, das Mädchen im nahegelegenen Wald zu töten. Doch dieser bringt das nicht übers Herz, so dass Schneechen, wie sie liebevoll genannt wird, die Bekanntschaft mit einer Gruppe von Wegelagerern schließt - den sieben Zwergen, die ihr erstmal zu etwas Selbstbewusstsein und Kampfgeist verhelfen...


Zwei Verfilmungen des Grimmschen Märchens "Schneewittchen" stehen uns diesen Frühling ins Haus, beide sind eher frei adaptiert und geben nicht unbedingt das wieder, was unsere Mütter uns früher vorgelesen haben. Den Wettlauf ums Startdatum hat Tarsem Singhs komödiantische Herangehensweise an das Thema gewonnen. "Spieglein, Spieglein" startet schon morgen in den bundesdeutschen Kinos, während wir auf die Action-Variante "Snow White and the Huntsman" noch einen guten Monat länger warten müssen.

Bei "Spieglein, Spieglein" sollte man sich vorab eines klar machen: Das ist ein absoluter Julia Roberts Film. Vergesst das naive Schneewittchen, gerne auch "Schneechen" genannt (wenn auch bezaubernd gespielt von Lily Collins), die böse Königin steht eindeutig im Mittelpunkt, hat die besten Szenen und Dialoge. Wer Julia Roberts nicht mag, wird dann in jedem Fall ein Problem mit dem Film haben. Wer sie - wie ich - dagegen sehr gerne sieht, hat Grund zur Freude. Die Roberts spielt hier alles und jeden an die Wand, genüsslich lässt sie sich mit breitem Grinsen zu Gemeinheiten herab und wirkt dabei schöner denn je, selbstbewusst und völlig in sich ruhend.

Regisseur Tarsem Singh ist nach "The Cell", "The Fall" und zuletzt "Immortals" besonders für seinen Hang für bombastische, poetische und wunderschöne Bildästhetik bekannt. Bei "Spieglein, Spieglein" hält er sich etwas zurück, statt epischen Bildern hat man hier eher das Gefühl, opulente Theaterkulissen zu sehen - obwohl alles perfekt ausgearbeitet ist, hat manche Szenerie etwas Unfertiges, was den satirischen Charakter des Films vermutlich unterstreichen soll. Das Problem ist dabei nur, dass die Satire dann doch zu oft der Albernheit Platz machen muss, so dass zwar einige Gags zünden, aber bei weitem nicht alle. Und daher fühlt man sich manchmal in positiver Hinsicht an "Time Bandits" erinnert, manchmal an die schlechteren Szenen aus (dem ansonsten natürlich immer noch sehenswerten) "Spaceballs" (oder anderen Mel Brooks Filmen), und seltsamerweise hab ich sehr oft an den deutschen Film "Das Glas Wasser" denken müssen, dessen experimenteller Charakter meiner Meinung nach einige Parallelen zum Singh Film aufweist.

Was mir gut gefallen hat, ist wie Singh es gelungen ist, anhand der Märchenerzählung den aktuellen Jugend- und Schönheitswahn Hollywoods gekonnt auf die Schippe zu nehmen, eine kurze Bildmontage zeigt beispielsweise, wie sich die Königin für ihr Date mit dem tölpelhaften Prinzen noch einmal grundsanieren lässt, ob Wespenstiche in die Lippen dabei schlimmer sind als Botox in die Stirn - wer weiß das schon? Und so werden in ihrem Königreich auch die "Hässlichen" in den Wald geschickt, wo sie sich als Diebe und Wegelagerer verdingen müssen, wie die Geschichte der sieben Zwerge zeigt. Klasse finde ich dabei die Darstellung der "gestelzten" Zwerge, super Idee und macht visuell auch richtig was her.
Warum nun die Prinzen in diesen Märchen immer etwas minderbemittelt daherkommen müssen, kann ich nicht erklären. Tarsem Singh treibt dies noch auf die Spitze, in dem sein von Armie Hammer todesmutig lächerlich dargestellter Prinz Alcott ein kompletter Idiot ist, zu dem es nur allzu gut passt, dass er zwischenzeitlich wortwörtlich zum Schoßhund mutiert.

"Spieglein, Spieglein" hat einige richtig gute Momente, meist die, in denen Märchen, Gegenwart / Zeitgeist sowie Satire wirklich zusammenkommen und eine Einheit bilden, dagegen stehen aber viele andere Szenen, in denen der Film einfach nur albern und lächerlich ist. Gerade zum letzten Drittel hin fühlt sich das alles sehr bemüht und in die Länge gezogen an, ein flaches Finale im Wald gegen die Bestie (deren Auflösung aber sowas von vorhersehbar ist) macht dann auch vieles kaputt, was einem vorher noch positiv aufgefallen ist. Da hilfts dann auch nicht, dass Sean Bean noch einmal kurz zu sehen ist *lach* und - soviel darf ich glaube ich verraten - das Ende des Films überlebt oh Wunder! Der an Bollywood erinnernde Abspann ist dann wieder richtig niedlich und sorgt dafür, dass man das Kino immerhin beschwingt verlässt.

Schauspielerisch kann man hier von niemandem Wunderdinge erwarten. Lily Collins ist ohne Frage bezaubernd, mehr muss sie aber auch nicht sein, Armie Hammer hat schon so ziemlich die Ar...karte mit seiner Rolle als Prinz gezogen und gibt sich redlich Mühe, dies mit einem Hauch Würde über die Bühne zu bringen, Nathan Lane spult sein Standardrepertoire ab, und die kleinwüchsigen Darsteller der Zwerge sind durchweg sympathisch. Die einzige, die in "Spieglein, Spieglein" tatsächlich etwas von ihrem Können zeigen darf, ist halt Julia Roberts.

Fazit: Bunte und durchaus unterhaltsame Mischung aus Märchen und moderner Satire, leider mit manch plattem Gag und etwas zu kühl und nüchtern inszeniert, so dass Charme und ein gewisses Maß Wärme leider fehlen. Für Julia Roberts Fans sehr sehenswert, ansonsten eher guter Durchschnitt. Von Tarsem Singh hätte ich grundsätzlich mehr erwartet.

Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen ("Mirror, Mirror", USA 2012) - dt. Synchronfassung
R: Tarsem Singh; B: Jason Keller, Melisa Wallack - nach den Gebrüdern Grimm
K: Brendan Galvin; M: Alan Menken
D: Lily Collins, Julia Roberts, Armie Hammer, Nathan Lane, Mare Winningham, Jordan Prentice, Mark Povinelli, Joe Gnoffo, Danny Woodburn, Sebastian Saraceno, Martin Klebba, Ronald Lee Clark, Michael Lerner, Sean Bean, etc.
Genre: Märchen, Komödie, Satire
FSK: ohne Altersbeschränkung
Länge: 106 Min.

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