chronicleAußenseiter Andrew, sein Cousin Matt und dessen Kumpel Steve machen eines Abends eine mysteriöse Entdeckung, die dazu führt, dass sie telekinetische Fähigkeiten entwickeln. Können sie anfangs nur kleine Dinge mit der Kraft ihrer Gedanken bewegen, wachsen ihre Fähigkeiten beständig weiter. Zunächst sind die gemeinsamen Übungen und Schabernacks, die sie treiben, noch purer Spaß, bis jedoch Andrew einen folgenschweren Fehler begeht, der die Freundschaft der drei auf eine Probe stellt und verdeutlicht, dass Andrew seine seit Jahren angestaute Wut nicht mehr im Griff hat ...


Vor einer Woche konnte ich "Chronicle" in der Sneak Preview sehen, der offiziell am 19. April in den deutschen Kinos startet.
Ich tue mich leider immer ein bisschen schwer mit diesen sogenannten "Found Footage" Filmen, mal abgesehen von dem norwegischen "Troll Hunter", der für meinen Geschmack den einzig richtigen Weg gefunden hat, mit diesen gefakten Dokumentationen umzugehen, nämlich: ironisch. So bald diese Wackelkamera-Produktionen sich zu ernst nehmen, kann ich ihnen meist nur ein müdes Lächeln abgewinnen.

"Chronicle" gehört jedoch durchaus zu den guten Vertretern. Das liegt zum einen daran, dass das Thema recht spannend ist und vor allen Dingen in den ersten zwei Dritteln dramaturgisch richtig gut angegangen wird. Zum anderen liegt es an der guten Darstellung von Dane DeHaan, der in der Rolle des Außenseiters Andrew erfrischend talentiert hervorsticht, während gerade seine beiden Kollegen Michael B. Jordan und Alex Russel als Kumpels Steve und Matt leider völlig blass bleiben.

Mir gefällt, wie die Handlung langsam Fahrt aufnimmt. Dabei werden die Figuren zwar leider sehr stereotyp eingeführt, beispielsweise Andrew, der quasi schon in den ersten fünf Filmminuten fast jedes Klischee erfüllt, mit dem man ihm zum potentiellen Amokläufer abstempelt (schwieriges Elternhaus, Vater ein Säufer, Mutter schwer krank, Mobbing und Demütigung in der Schule, fehlt nur noch das Ballerspiel am PC, etc.). Steve ist der Football-Held und kandidiert als Schulpräsident, und Matt ist halt der typische All American Boy. Das ist ein bisschen schade, ich bin mir aber auch nicht sicher, ob das eben der Preis für dieses Found Footage Genre ist, vielleicht ist es bei diesen Filmen einfach schwerer, die Charaktere etwas dreidimensionaler zu gestalten.
Abgesehen von diesem Kritikpunkt funktioniert das Aufeinandertreffen dieser drei Jungs sehr gut. Eigentlich an einem völlig verkorksten Abend findet Außenseiter Andrew in einer beängstigenden Situation zwei Freunde, mit denen er daraufhin fast täglich abhängt. Die drei stoßen nämlich am Rande einer Party auf ein Erdloch im nahegelegenen Wald, in dem sich etwas Mysteriöses verbirgt, was sie fast magisch anzieht, aber der ohrenbetäubende Lärm, der von diesem Etwas ausgeht, jagt die Jungs wieder nach draußen. Am nächsten Tag ist das Loch verscharrt, und die drei entdecken, dass sie über telekinetische Fähigkeiten verfügen. Von nun an treffen sie sich regelmäßig, um diese Fähigkeit zu trainieren, gegeneinander im freundschaftlichen Wettbewerb anzutreten - alles dokumentiert von Andrews Kamera. Dabei wächst auch die Freundschaft der drei - was im Übrigen auch schön an den Aufnahmen zu sehen ist. War es anfangs ausschließlich Andrew, der seine Umwelt gefilmt und dabei auch genervt hat, steht er nun häufiger auch selbst im Fokus der Kamera. Dabei versteht sich für die Jungs von selbst, dass ihre "Superkraft" ein Geheimnis bleibt und dass bei ihren Übungen kein Lebewesen zu Schaden kommt.

Und diese ersten Trainingsversuche sind spaßig anzusehen, man kann sich richtig gut in die Jungs hineinversetzen, wie sie sich neu entdecken und die Freiheit auskosten, die ihre Fähigkeit ihnen plötzlich bietet. Das sind trotz der Wackelkamera - an die man sich allerdings schnell gewöhnt hat - mitreißende, vor Energie nur so sprühende Szenen. Nun wird dann Andrews erster Schritt auf die dunkle Seite der Macht etwas plakativ eingeführt, eine Aktion, die ihm zunächt selbst Angst einjagt, aber da spürt man schon den ersten Riss in der Gemeinschaft. Andrew, der sich schnell am stärksten von den dreien entwickelt hat, nimmt diese leichte Verwandlung im Miteinander auch wahr, und verfällt in alte Selbstmitleidsmechanismen. Keiner hat mich lieb, ich bin nichts wert, also hasse ich alle und zeige ihnen, wer der Stärkere ist. Wie oben schon erwähnt, das dürfte keinen überraschen dank der Art und Weise wie sein Charakter schon zu Beginn eingeführt wird.

Das erste Drittel überzeugt also aufgrund der Darstellung wie die drei Schüler mit ihrer neuen Fähigkeit die Welt sozusagen neu entdecken. Das zweite Drittel punktet in der langsamen Wandlung vom Spaß hin zur Gefahr. Und hätte man nicht plötzlich im letzten Drittel eine derartige Materialschlacht aufgefahren, die an Godzillas Auftritt in New York erinnert und Andrews Rachetrip so over the top inszeniert, wäre "Chronicle" auch bis  zum Schluss ein richtig guter Film geblieben, so schwächelt das Ende mit diesem völlig übertriebenen Showdown ein bisschen. Was aber durchweg gelingt, sind echt schöne Bilder, was wiederum für einen Found Footage Film eher ungewöhnlich ist und für hohe Qualität spricht.

Fazit: Überraschend gut trotz Wackelkameraoptik, ein erfrischender Blick auf "Superhelden", mitunter tolle Aufnahmen und ein sehr guter Hauptdarsteller. Kritikpunkte wie erwähnt die schablonenhaften Charaktere und das überdrehte Ende. Ich mag im Übrigen die für das Filmposter ausgewählte Szene, gerade auf dem Plakat erinnert mich das ein wenig an "Der Himmel über Berlin".

Chronicle  - Wozu bist du fähig? ("Chronicle", USA 2012) - engl. OV
R: Josh Trank; B: Max Landis, Josh Trank
K: Matthew Jensen; M:?
D: Dane DeHaan, Alex Russell, Michael B. Jordan, Michael Kelly, Ashley Hinshaw, Anna Wood, Bo Petersen, etc.
Genre: Found Footage, Fantasy, Drama
FSK: ab 12 J.
Länge: 84 Min.

7v10
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